Wolfgang Urban: Voll gegen die Wand
Über Wolfgang Urban liefen zu seiner aktiven Kaufhauszeit allerlei Anekdoten um. Etwa die, dass er gern mit zwei Handys gleichzeitig telefoniere. Oder, vorsichtig ausgedrückt, sehr temperamentvoll sei; unvorsichtig formuliert, rüde auftrete.
Zuerst machte Urban bei jenem Kaufhauskonzern Karriere, den er jetzt mit einem Konsortium reicher Unternehmerfamilien der Metro Group abkaufen will: Galeria-Kaufhof. Den Höhepunkt seiner Laufbahn erklomm er aber 2000 mit der Übernahme des Vorstandsvorsitzes beim ewigen Konkurrenten, der KarstadtQuelle-Holding (später: Arcandor).
Den Karstädtern wurde mit seinem Amtsantritt schnell klar, dass die gemütlichen Zeiten des Vorgängers Walter „Papa“ Deuss vorbei waren. Der neue Boss hatte eine Vision, ging aber nicht, wie vom Weltweisen Helmut Schmidt empfohlen, zum Arzt, sondern schritt zur Tat. Urban wollte KarstadtQuelle zu einem Handels- und Dienstleistungsmulti umbauen und benutzte dabei ständig einen Begriff, der heute jedem geläufig ist, damals aber praktisch noch unbekannt war: Multi-Channel. Nicht nur im Laden, sondern auch im Internet, im TV und selbst beim Kaffeetrinken sollte der Kunde mit Karstadt in Berührung kommen. Der Manager, der mit der Dressurreiterin Isabell Werth liiert ist, tütete so viele Projekte ein, dass seine Nachfolger kaum nachkamen, sie wieder abzuwickeln. Karstadt gründete mit Starbucks ein Unternehmen, legte mit der Telekom das Bonusprogramm Happy Digits auf, startete einen TV-Programmie und stieg ins Deutsche Sportfernsehen (heute: Sport 1) ein. Um im Internet weiterzukommen, gründete Karstadt zudem eine New-Media-Unit, die zeitweise Christian Seifert, heute Chef der Deutschen Fußball Liga, befehligte. Obwohl Urban mit vielen seiner Vorstellungen der Zeit voraus war, konnten die bunten Aktivitäten rund ums Kerngeschäft nicht verdecken, dass selbiges nicht vom Fleck kam. Stattdessen rutschte Karstadt immer tiefer in die roten Zahlen, so tief, dass Wolfgang Urban 2004 gehen musste. Die mächtigen Chefs der Kaufhäuser hätten Urbans Veränderungshektik ausgesessen, verriet ein Insider seinerzeit – klarer Fall von „gegen die Wand gelaufen“.
Einen angemessenen Job hat Wolfgang Urban nach dem Karstadt-Abgang nicht wieder gefunden. Ein Porträt im "Manager-Magazin" skizzierte vor geraumer Zeit einen vor Tatendrang vibrierenden Mann, der für seine überschüssige Energie kein angemessenes Betätigungsfeld besitzt. Dies könnte sich schlagartig ändern, falls Urban mit seinem ominösen Konsortium entgegen allen Erwartungen Kaufhof übernehmen könnte. Diesmal würde es allen Beteiligten reichen, wenn Urban das Kerngeschäft des Kaufhauskonzerns auf Vordermann brächte. Das ist Herkulesaufgabe genug.
Wieking Redakteur







