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Thomas Nötting veröffentlicht am 03.02.2010 14:02 Uhr in Blog
Von: Thomas Nötting

Eiserne Besen in der Chefetage

Es ist noch nicht lange her, da herrschte auf den Fluren der Düsseldorfer Verlagsgruppe Handelsblatt Champagnerstimmung. Vor knapp einem Jahr, am 28. März 2009, verkündete Dieter von Holtzbrinck sein Comeback und übernahm von seinem in Geldnöte geratenen Halbbruder Stefan das Düsseldorfer Verlagshaus sowie den Berliner „Tagesspiegel“ und die Hälfte der „Zeit“. Große Teile des Managements und der Mitarbeiter begrüßten damals einhellig die Rückkehr des Patriarchen. Man habe nur die mäßig erfolgreichen New-Media-Exkurse des Online-Visionärs Stefan finanziert, lautete eine weit verbreitete Meinung. Nun könne man an die guten alten Zeiten anknüpfen.

Aber die guten alten Zeiten im Verlagsgeschäft kommen nie wieder. Dies ist inzwischen auch dem letzten Nostalgiker – nicht nur in der Verlagsgruppe Handelsblatt – klar geworden. Die anfängliche Euphorie über die Holtzbrinck-Rückkehr verflog bereits innerhalb kurzer Zeit. Holtzbrinck und sein Adlatus Michael Grabner packten nach dem Blick in die Bilanzen schnell den Rotstift aus und strichen in dem von zahlreichen früheren Entlassungsrunden ohnehin arg gebeutelten Verlag weitere 150 Stellen. Wie sehr der Verleger unter Druck steht, zeigen jetzt die jüngsten Ereignisse: die eisernen Besen kehren nun auch in den Führungsetagen.

Der – vorläufige – Höhepunkt ist der heute verkündete Weggang des langjährigen „Handelsblatt“-Chefredakteurs Bernd Ziesemer. Auch Geschäftsführer Joachim Liebler ist auf dem Absprung zum „Tagesspiegel“. Langjährige Topmanager wie Chefcontroller Martin Ehm und Oberjurist Georg Walraff müssen ihren Hut nehmen. Dieter von Holtzbrinck will sein Lebenswerk retten. Um dieses Ziel zu erreichen, macht er nun offenbar keine Kompromisse mehr.

Denn dieses Lebenswerk scheint tatsächlich gefährdet. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat bei „Handelsblatt“ und „Wirtschaftswoche“ noch größere Verwerfungen in der Bilanz angerichtet, als in der ohnehin gebeutelten übrigen Verlagsbranche. Die deutsche Wirtschaftspresse steckt noch immer in der wohl tiefsten Krise ihres Bestehens – dies gilt auch für die Titel des Konkurrenten Gruner + Jahr. Das Stühlerücken in Düsseldorf lässt nur erahnen, wie schlecht die Bilanz 2009 ausgefallen sein muss.

Vor diesem Hintergrund wird der Abgang von Chefredakteur Ziesemer verständlicher. Er spielte im Rettungsplan von Grabner und Holtzbrinck eine Schlüsselrolle. Ziesemer verantwortete die Umstellung auf das Tabloid-Format. Ein mutiger Schritt, der den Verleger viel Geld gekostet hat. Doch die ersten IVW-Zahlen deuteten nicht auf eine Wende bei Abos und Verkäufen hin. Dass Ziesemer nun durch den „Spiegel“-Mann Gabor Steingart ersetzt wird, spricht dafür, dass der Relaunch noch einmal auf den Tisch kommen könnte.

Denn durch das Kleinformat wird eine Tageszeitung optisch und inhaltlich zu einer Art täglichem Magazin. Hier sind Blattmacher-Qualitäten gefordert, die eher ans Zeitschriften-Machen erinnern. Einem Magazin-Mann wie Steingart wäre dies zuzutrauen.

Ziesemers Verdienste sind anderer Natur. Er legte stets großen Wert auf die Rolle des „Handelsblatts“ als komplette Tageszeitung und wollte das Blatt nicht in die Wirtschaftsnische abdrängen lassen. Wichtig war ihm deshalb vor allem die politische Berichterstattung, die nach wie vor die vorderen Seiten füllt. Im Tabloid führt dies jedoch zu dem Problem, dass das Kernressort „Unternehmen & Märkte“ im wahrsten Sinne des Wortes weiter nach hinten rückt.

Haben Meinungsverschiedenheiten über diese Themen den Abgang von Ziesemer und vielleicht auch Liebler beschleunigt? Die Antwort wird man demnächst schwarz auf nachvollziehen können: im von Gabor Steingart verantworteten „Handelsblatt“.

Schlagworte: Verlagsgruppe Handelsblatt Bernd Ziesemer Dieter von Holtzbrinck Gabor Steingart

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