veröffentlicht am 31.05.2011 11:05 Uhr in
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Von: Petra Schwegler
Die Kluft zwischen Boulevard und Bildungsbürger
Im Fall Jörg Kachelmann gibt es nach neun Monaten eigentlich keine Gewinner – auch wenn der Beschuldigte selbst aus Mangel an Beweisen freikommt. Der Umgang der Medien mit dem Verfahren, in dem es um den schweren Vorwurf der Vergewaltigung gegangen ist, sucht seinesgleichen. Die Boulevard-Presse – allen voran Springers "Bild" – haben schnell Partei für das Opfer, eine 38-jährige Moderatorin ergriffen. Sehr lautstark hat der Boulevard seine Thesen in den Medienwald hineingerufen – und sich dann doch verärgert und verwundert gezeigt, als die Bildungsbürger-Medien "Spiegel" und "Zeit" (vermeintlich) ein friedliches Echo für den beschuldigten Kachelmann formuliert haben.
Im Prinzip haben Letztere sich daran erinnert, was der Journalist in seiner Ausbildung über die Berichterstattung rund um Gerichtsverfahren immer wieder hört: "In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten." Keine Verurteilung vor dem Urteil. Dass sogar irgendwann der Bildungsbürger zu einem vorzeitigen Urteil kommt, mag daran liegen, dass "Bild" alle Geschütze gegen Jörg Kachelmann aufgefahren hat. Freilich – mit einer schnöden Meldung über den Anzug des 30. Zeugen lässt sich die Auflage einer Kaufzeitung nicht pushen. Wenn ein zuvor angesehener und beliebter Fernsehmann über sein reges Sexleben stolpert, ist "Bild" einfach dabei.
Schlimm wiegt, dass sich Staatsanwaltschaft und Gericht durchaus von den Schlagzeilen der Presse haben beeinflussen lassen. So schlimm, dass der Berliner Medienanwalt Christian Schertz nach der Causa Kachelmann fordert, den Umgang der Justiz mit den Medien auf den Prüfstand zu stellen. In der SWR-Talkshow "2+Leif" sagt Schertz: "Wir werden an diesem Fall den deutschen Rechtsstaat prüfen müssen. Wir werden prüfen müssen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, wo der bloße Vorwurf eines Fehlverhaltens zu einer derartigen Vernichtung bereits vor dem Urteil führt."
Beschädigt bleiben aber nicht nur Jörg Kachelmann und seine Ex-Freundin zurück. Blamiert stehen unter anderem auch zwei Alpha-Journalistinnen da - "Emma"-Macherin Alice Schwarzer und "Spiegel"-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen. Sie haben sich in Sachen Kachelmann einen regelrechten Zickenkrieg geliefert. Schwarzer, die den Fall als Kolumnistin in der "Bild" begleitet hat, spannte Ende Februar ihr Bollwerk des Feminismus – die "Emma" - sogar für eine 20-seitige Titelstory ein, die einzig die Aussage hatte: Friedrichsen ergreife in Verfahren immer wieder einseitig Partei für die Angeklagten und diffamiere oder ignoriere die Opfer und die Zeugen der Anklage. Die beiden Damen haben sich zuletzt vergangene Woche bei Markus Lanz im ZDF gegenübergesessen – Friedrichsen war so klug, sich auf den oben erwähnten Grundsatz "In dubio pro reo" zurückzuziehen.
Alice Schwarzer hat überdies der Ex-Freundin Kachelmanns einen Bärendienst erwiesen; mit ihren unzähligen "Bild"-Kolumnen zur Rolle des Opfers hat sie die Radiomoderatorin erst recht zu einem Opfer gemacht. Als Nachteil hat sich auch erwiesen, dass die junge Frau ihre Sicht der Dinge Burdas People-Magazin "Bunte" verkauft hat. Kachelmanns bissiger Anwalt Schwenn hat der Nebenklägerin negativ ausgelegt, dass sie in der großen weiten Medienwelt auspackt und vor Gericht vieles verschleiert.
Dieser Fall sollte einfach nicht als Vorbild für den weiteren Umgang der Presse mit prominenten Gerichtsverfahren sein. Zurückgeblieben sind zwei Medienmenschen, die den Makel des Verfahrens nie mehr werden abstreifen können. Gibt man "Jörg Kachelmann" als Suchwort bei Google ein, liefert die Suchmaschine zwar über eine Million Ergebnisse. Dass der Schweizer aber einst ein gefeierter Wetteransager, ein beliebter Moderator und ein viel gebuchtes Werbetestimonial gewesen ist, verliert sich in den ersten Seiten der Suchergebnisse, die vor allem den Prozess und den Vorwurf der Vergewaltigung im Zusammenhang mit Kachelmann auflisten.
Zurückgeblieben sind viele Schlagzeilen, hohe Auflagen, gute Einschaltquoten und beachtliche Klicks, aber auch Berichterstatter, deren Image Schaden genommen hat. Alles in allem hat die Öffentlichkeit an Jörg Kachelmann verdient. Kachelmann und seine Ex-Freundin haben dagegen nicht von der Öffentlichkeit profitiert.
Schlagworte: Jörg Kachelmann Alice Schwarzer Friedrichsen Zeit Medien Anwalt Freispruch Bild Spiegel Prozess
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